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  • Wir haben nicht ewig Zeit oder wie ich zum stoischen Fotograf werde!

    Vor einigen Tagen hat mein geschätzter Fotografenkollege Mike Hindle auf seinem Blog einen sehr persönlichen, guten und wichtigen Artikel über die notwendigen Tugenden eines Fotografen geschrieben. Er führte dabei Geduld, Übung und Ausdauer an. Ich stimme Mike natürlich vollinhaltlich zu. Ja, um in etwas gut zu werden, benötigt es Übung und oftmalige Wiederholung. Und es braucht Ausdauer, um den vermeintlich „richtigen“ Moment zu erwischen. Aber wir sollten uns genauso bewusst sein, dass wir nicht ewig Zeit haben, auf den perfekten Moment zu warten. Und vor allem dürfen wir uns darüber nicht allzu sehr frustrieren lassen. Der Stoizismus, dem ich mit fortschreitendem Alter immer mehr abgewinnen kann, hat dafür einige erstaunlich moderne Lösungsansätze die ich immer mehr in meiner Fotografie anwende bzw. wiederfinde.

    Sei in der Gegenwart

    „Begrenze die dir gesetzte Zeit auf das Gegenwärtige.“ – Marc Aurel, Selbstbetrachtungen VII, 29

    Früher, wenn ich an einen neuen oder interessanten Ort kam, war der erste Griff zum Fotoapparat (der damals noch viel voluminöser war). Ich kam dann mit einer Unmenge an Fotos nach Hause, deren Bearbeitung viel Zeit in Anspruch nahm. Wenn ich heute Fotos von damals ansehe, ertappe ich mich oft dabei, dass ich mich frage: „Wo war das eigentlich?“, „Warum war ich da?“, „Wie sah es rundherum aus? Der Fotoapparat vor der Brust „erspart“ dir oft die echte Interaktion mit dem Neuen, dient zum Schutz vor Unbekanntem. Heute denke ich ganz stoisch: „Es könnte das letzte Mal sein, dass ich hier bin!“ Das hat nichts mit „Verdammt, ich könnte bald sterben“ zu tun. Ja, das müssen wir alle irgendwann! Aber es bringt dich dazu, dir des Augenblicks bewusst zu werden und die gegenwärtige Situation zu nutzen und sie so anzunehmen, wie sie sich eben aktuell präsentiert! Auch wenn das Licht nicht stimmt! Aufgrund deiner Erfahrung und Übung kannst du dich anpassen und dabei eröffnen sich eventuell sogar neue Aussichten! Und schlussendlich ist es immer besser, du kommst mit schönen Gedanken und langlebigen Erinnerungen nach Hause als mit einer Speicherkarte voller noch so guter Fotos!

    Sei sorgfältig

    „Was du tust, ist nicht gleichgültig, sei also sorgfältig! Aber sei zugleich standhaft und unerschüttert, denn der Stoff ist gleichgültig!“ – Epiktet, Lehrgespräche II 5, 7f.

    Nutze also den Moment, der dir gegeben wurde. Aber nutze ihn nicht aus! Es ist immer eine Abwägung, was es für ein gutes Foto brauchst. Bleibe dabei authentisch, das erfordert oft mehr Mut und Standhaftigkeit, als man denkt. Lass dich nicht dazu verleiten mögliche Likes oder Verkaufspreise bedienen zu wollen. Es geht um deine Gedanken, deine Emotionen. Ein Foto ist immer ein Ausdruck deiner gegenwärtigen Sicht der Dinge. So gesehen stimmt der Ausspruch „Jedes Foto ist ein Selfie!“. Aber kein noch so beeindruckendes Foto ist es wert, dafür dich oder andere in Gefahr zu bringen! Oder die persönlichen Grenzen anderer zu überschreiten. Kurz, denke nach und übernimm Verantwortung für das, was du tust. Es macht dich zu einem besseren Menschen und auch zu einem besseren Fotografen!

    Sei gelassen

    „Von den Dingen sind einige in unserer Gewalt, andere nicht.“- Epiktets Encheiridion (1)

    „Nicht die Dinge beunruhigen die Menschen, sondern ihre Meinungen über die Dinge.“ – Epiktet, Encheiridion (5)

    Manche Dinge stehen in deiner Macht, andere nicht. Es ergibt keinen Sinn, auf Dinge, die du nicht beeinflussen kannst, mit Enttäuschung, Frustration oder gar Wut und Zorn zu reagieren. Das belastet in erster Linie nur dich selbst. Nicht alles ist es wert, sich dafür zu zerreißen. Es gibt kein Foto, das du machen musst! Wenn du aber ein Foto (oder sonst etwas in deinem Leben) machen willst, dann tue es so gut du kannst. Also auch, um den Kreis zurück zu Mike zu schließen, mit Geduld, Übung und Ausdauer! Tue es aber auch so, dass es dich zu einer besseren Version deiner selbst macht. Im besten Falle färbt dein positives Verhalten auch auf deine Umgebung ab. Aber das steht in letzter Konsequenz nicht in deiner Macht.